Uhl, A.; Bachmayer, S.; Kobrna, U.; Puhm, A.; Springer, A.; Kopf, N.; Beiglböck, W.; Eisenbach-Stangl, I.; Preinsperger, W.; Musalek, M. (2009):
Handbuch: Alkohol - Österreich: Zahlen, Daten, Fakten, Trends 2009. dritte überarbeitete und ergänzte Auflage. BMGFJ, Wien
Alkoholdelir, Delirium Tremens
Dieses Zustandsbild kann bei lang dauerndem, chronischem Alkoholismus
reaktiv bei jeder Veränderung des Trinkstils eintreten. Allerdings
sind nur etwa 15% der Alkoholiker davon betroffen, meist ist es Teil
eines Entzugssyndroms. Es kündigt sich durch ein Prädelir
an. Dieses Zustandsbild ist gekennzeichnet durch unruhige Träume
und Schlafstörungen, vegetative Erscheinungen vor allem im Sinne
von Schwitzen und Zittern. Das Prädelir geht, wenn es nicht behandelt
wird, in das Delir über. Dieses wieder umfasst Symptome aller
Anteile des Nervensystems. Das Bewusstsein ist gestört, es besteht
Desorientiertheit hinsichtlich der Zeit, des Raumes und der Situation,
nicht aber hinsichtlich der Person. Die Patienten sind unruhig, stets
beschäftigt. Wahrnehmungsstörungen äußern sich
vor allem in optischen Halluzinationen. Es werden kleine bewegte Objekte
halluziniert (Weiße-Mäuse-Sehen). Die Stimmung ist oft
angehoben, häufig aber auch ängstlich getönt. Es besteht
ein grobschlägiges Zittern (Tremor - daher Delirium tremens).
Die vegetative Erregung kann beträchtliche Ausmaße annehmen,
es besteht Schwitzen, Herzjagen, Fieber. Ein unbehandeltes Delirium
dauert 4-10 Tage. Das Zustandsbild ist schwer.
Unbehandelte Delirien führen in 15-30% der Fälle zum Tod,
wobei ältere Personen und Patienten, die unter wiederholten deliranten
Zustandsbildern leiden, eine ungünstigere Prognose haben. Heute
ist das Delir unter Einsatz der modernen medizinischen Mittel recht
gut beherrschbar.
Alkoholhalluzinose
Diese tritt ebenfalls bei chronischem Alkoholismus jedoch relativ
selten auf. Bei dieser Erkrankung überwiegen Wahrnehmungsstörungen,
diese sind meistens akustischer ("Stimmen-Hören"),
bisweilen aber auch optischer Natur. Das Bewusstsein bleibt klar,
die Stimmungslage ist sehr ängstlich und gespannt. Die Trugwahrnehmungen
werden meistens als beschimpfend und bedrohlich erlebt, sie lösen
Verfolgungsideen aus. Die Patienten sind daher sehr unruhig, zeigen
Fluchttendenzen und lassen eine Neigung zu gewalttätigen Durchbrüchen
erkennen. Es besteht kein Tremor. Vegetative Erscheinungen sind wesentlich
schwächer ausgeprägt als im Falle des Delirium Tremens.
Die Halluzinose verläuft akut, dauert aber Wochen bis Monate
an. Wenn sie länger als ein halbes Jahr anhält, spricht
man von einer chronischen Halluzinose. Überwiegen im Rahmen des
halluzinatorischen Zustandsbildes die Verfolgungsideen, kann man auch
von einer "Alkoholparanoia" sprechen.
Eifersuchtswahn
Chronische Alkoholiker reagieren häufig mit massiver Eifersucht,
die sich bis zur wahnhaften Ausprägung steigern kann. Eifersuchtsideen
können auch innerhalb eines Delirium Tremens auftreten. Oft besteht
jedoch der Eifersuchtswahn unabhängig von einer Grundpsychose
und bleibt auch in abstinenten Phasen erhalten.
Alkoholische Wesensänderung, Psychoorganisches Syndrom
An Wesens- und Leistungsveränderungen bei chronischen Alkoholikern
werden beschrieben: Störungen des Altgedächtnisses und der
Merkfähigkeit, Herabsetzung der Aufmerksamkeit, gesteigerte Ermüdbarkeit,
Abnahme der Urteils- und Kritikfähigkeit, gesenkte Konzentrationsleistung,
gesteigerte Beeinflussbarkeit, Verlust von Interessen, Unzuverlässigkeit,
Affektlabilität, Stimmungsschwankungen. Die meisten dieser Symptome
sind reversibel, d.h. sie verschwinden bei Beendigung des Alkoholkonsums.
Oftmals entstehen diese Defizite aufgrund einer zunehmenden alkoholbedingten
organischen Schädigung des Gehirns. In diesen Fällen zeigt
die Wesens- und Leistungsänderung einen progredienten Verlauf
und endet in einer alkoholischen Demenz, die dann auch unter Abstinenzbedingungen
nur mehr bedingt rückbildungsfähig ist.
Hirnatrophie
Als Hirnatrophie bezeichnet man eine Erweiterung der Hirnräume
infolge eines Verlusts an Nervenzellstrukturen.
Wernicke-Korsakow-Syndrom
Diese Erkrankung setzt sich zusammen aus Störungen des peripheren
Nervensystems im Sinne einer Polyneuritis der Beine (Schmerzen, Gefühllosigkeit,
schlaffe Lähmung) und der Korsakow'schen Psychose, die aus einem
Verlust des Altgedächtnisses bei gleichzeitiger Unfähigkeit,
sich neue Inhalte zu merken, Konfabulationsneigungen, einer Verschlechterung
des Auffassungsvermögens und einer Verminderung der Initiative
und Spontaneität besteht. Die Psychose ist Ausdruck der somatischen
Störung des Gehirns.
Alkoholische Kleinhirnatrophie
Infolge übermäßigen Alkoholkonsums kommt es zur Schrumpfung
des Kleinhirns, zu einem Verlust an Zellsubstanz.
Alkoholische Polyneuropathie
Sie ist die häufigste neurologische Folgeerkrankung des chronischen
Alkoholismus und erfasst etwa 20% der Alkoholkranken. Es kommt dabei
zu schmerzhaften Lähmungen der Beine.
Alkoholepilepsie
In unterschiedlicher Häufigkeit leiden Alkoholiker unter epileptischen
Anfällen, die zumeist als große Anfälle (Bewusstlosigkeit,
zu Boden stürzen, Zungenbiss, Harnabgang) verlaufen. Von einer
echten Alkoholepilepsie sollte man nur dann sprechen, wenn die Anfälle
eindeutig als Abstinenzerscheinungen auftreten oder wenn sie im Rahmen
eines langjährigen chronischen Alkoholismus bei solchen Personen
in Erscheinung treten, die vorher keine Anfallsbereitschaft zeigten
und bei denen auch keine anderen Hirnschädigungen bestehen. Diese
Gruppe macht ungefähr ein Viertel all jener Alkoholiker aus,
die irgendwann einmal unter Anfällen zu leiden haben.
Lebererkrankungen
Der Alkohol übt eine direkte Giftwirkung auf die Leber aus. Die
Schäden die entstehen können, manifestieren sich zuerst
als Fettleber und als Alkoholhepatitis. Bei fortgesetztem Konsum kommt
es zur Leberzirrhose (Leberschrumpfung). Ein deutlich erhöhtes
Zirrhoserisiko tritt bei Männern ab 60 Gramm Alkohol und bei
Frauen ab 40 Gramm Alkohol pro Tag auf (20 Gramm Alkohol sind in 1/4
Liter Wein oder 1/2 Liter Bier enthalten). Man nimmt an, dass chronischer
Konsum von mehr als 160 Gramm Alkohol pro Tag mit hoher Wahrscheinlichkeit
zur Zirrhose führt. Dementsprechend ist diese schwerste Lebererkrankung
unter Alkoholikern auch recht häufig. 10-20% aller Alkoholkranken
sind von ihr betroffen. 30-50% aller zirrhotischen Erkrankungen sind
auf Alkoholismus zurückzuführen. Man kann sogar die Häufigkeit
des Alkoholismus in einer Gesellschaft aus der Leberzirrhosesterblichkeitsrate
schätzen
Erkrankungen anderer Organe des Bauch- und Verdauungstraktes
Neben der Leber werden auch andere Organe des Bauch- und Verdauungstraktes
beeinträchtigt: die Bauchspeicheldrüse, die Mundhöhle,
die Schleimhaut der Speiseröhre, der Magen und der Dünndarm.
Herzerkrankungen
Das Herz kann im Sinne einer Herzmuskelerkrankung beeinträchtigt
werden, die auf eine direkte Giftwirkung des Alkohols zurückzuführen
ist. Es kommt zu einer Herzmuskelerweiterung, verbunden mit Herzschwäche.
An Beschwerden bestehen dann Müdigkeit, Atemnot bei Belastung,
Herzschmerzen, Herzrhythmusstörungen.
Literatur:
Springer, A. (2007): Drogen und Drogenmissbrauch Lehrerinformation
zur Gesundheitsförderung, 3. aktualisierte und ergänzte
Auflage. Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur,
Wien
Publikation
zu beziehen über das BMBWK
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